ORNAH-MENTAL
„Testimony“
(Quixote Music/ZYX)
Zeichen,
so Dirk Schlömer, weisen den Weg. Als DAS letzte ZEICHEN erreicht war,
wies es in Richtung ORNAH-MENTAL. Das Zeichen war in den letzten fünf
Jahren das zentrale Projekt des einstigen Live-Gitarristen von Rio Reisers Ton,
Steine, Scherben. Nach drei beachtlichen, d.h. hier Zeichen-setzenden Studio-Alben,
mehreren Touren und zahlreichen Festivalteilnahmen konzentriert sich der in
Berlin lebende Musiker und Produzent Dirk Schlömer – der zuletzt
auch mit der Band „Neues Glas (aus alten Scherben)“ die Reiser-Fans
aller Generationen zu begeistern wußte – nun ganz auf sein Projekt
Ornah-Mental, dessen zweite Veröffentlichung jetzt mit „Testimony“
vorliegt. „Redemption Dub“ und „Babylon Playground“,
die beiden ersten Stücke der CD, verbinden satten synthetischen Groove mit
– ja, man muß es so sagen – dem unverkennbaren Gitarrensound
Schlömers. Das Instrumental „Cara-Wahn (Part 1)“ wiederum
sollte für ein Sinfonieorchester arrangiert und von Ornah-Mental gemeinsam
mit den Berliner Philharmonikern interpretiert werden. Auch das gedubte
Titelstück, den Filmproduzenten in Babelsberg als Soundtrack
wärmstens zu empfehlen, bekommt seinen individuellen Thrill durch die
Gitarre von Dirk Schlömer, die bis in die Siebziger zurückzuhallen
scheint. In den angenehmen Chillout-Rhythmus fügt sich auch „And the
Speed of Light“ hervorragend und in dem Wissen ein, daß, selbst
wenn sich der Mensch mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen könnte, rein
nichts gewonnen wäre, weil wir der logisch unfaßbar bleibenden
Unendlichkeit nicht entfliehen können – oder aber klaustrophobische
Anfälle bekämen, würden wir tatsächlich feststellen
müssen, das selbst dem Universum Grenzen gesetzt sind. Dann schon lieber
die Gewißheit unserer begrenzten Beweglichkeit, die dank der
Kompositionen von Ornah-Mental ganz ohne Lichtgeschwindigkeit im
Bewußtsein raumgreifend wirkt. Auf „Bliss No. 9“, dem
sechsten Stück, bewegt sich eine von Timothy Campling (einer von drei
Gastmusikern neben Maria Ledwoch, Gesang auf Stück 7, und Sonny Thet,
Cello bei Stück 3) gespielte Sitar feinfühlig in den von Gitarre,
Loops und Percussions (letztere von Carsten Agthe, Mitstreiter aus
frühesten Zeichen-Tagen) gelegten Spuren. Die Laufzeit heißt hier
übrigens „Totalpleasuretime“ und bringt es auf
hörerfreundliche 72 Minuten. Das Album „Testimony“ ist Musik
zum Runterschalten, zum Auftanken, zum Autofahren (vgl. Stück 7:
„Driving into dawn“). Alltag raus, Ornah-Mental rein! Der
abschließenden Aufforderung „Come with me“ folgt man deshalb
nur allzugern und stellt die neue CD kurzerhand auf repeat. Waren wir
zunächst enttäuscht, als nach drei wegweisenden Alben das Ende von
Das Zeichen verkündet wurde, freuen wir uns umso mehr über das zweite
Studio-Album von Ornah-Mental. Zeichen und Wunder auch hier, die demnächst
auch live erlebt werden können, denn die Formation hat eine Tour für
das nächste Frühjahr angekündigt. Das Kaichen
Schellack
04/2004